Menschen/ vidas
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GLORIA
Endlich ankommen: Der lange Weg bis in eine Rostocker Autovermietung
Gloria kam vor sechs Jahren als Au-pair aus Peru nach Deutschland, allerdings nicht, weil sie sich besonders zu diesem Land hingezogen gefühlt hätte. Die Gründe lagen eher im Finanziellen, wie bei so vielen Immigranten. Die wirtschaftliche Lage und die strenge Abgrenzung der einzelnen sozialen Schichten voneinander ermöglichen es vielen Menschen nicht, mit nur einem Job in Peru wirklich über die Runden zu kommen. So lässt sich wohl erklären, dass Menschen ihre Heimat verlassen und anderswo ihre Zelte aufschlagen, wenngleich es sich bei dem neuen Domizil auch nicht um ein persönliches Traumziel handelt. Obgleich Gloria Gemeinsamkeiten zwischen der deutschen und peruanischen Kultur feststellt, gibt es viele Unterschiede, angefangen beim sprichwörtlichen „Temperament“, das Lateinamerikanern zugeschrieben wird, bis hin zu dem möglicherweise banal anmutenden Aspekt des Wetters. Aber wenn einfach das ganze Jahr über bei warmen Temperaturen die Sonne scheint, hinterlässt das Spuren in der Verfassung der Menschen. Hier mit einem langen Winter kämpfen zu müssen, kann schon mal dazu führen, dass sie sich „emotional versteinert fühlt“, wie sie sagt. Aber das liegt natürlich nicht nur am Wetter. „Ich vermisse meine Familie sehr, aber die finanzielle Seite ist entscheidend. Mein Mann kann auch nicht einfach nach Peru ziehen.“ Ihn hatte sie von Peru aus übers Internet kennen gelernt, aber erst in Deutschland sind sie sich näher gekommen.
Da es in unserem Gespräch auch um Integration geht, freut sich Gloria, in diesem Zusammenhang als Lateinamerikanerin auch einmal im Blickpunkt zu stehen, wo es ja eher üblich sei, „über Türken bzw. Muslime zu debattieren“. Sie findet, dass Menschen aus ihrem Kulturkreis in Deutschland schlecht unterstützt werden. Aber – das weiß sie aus eigener Erfahrung – das bedeutet nicht, dass man mit Eigeninitiative nichts erreichen würde, sondern vielleicht sogar mehr als zu Hause. „In meiner Heimat fühlte ich mich bildungsmäßig mehr diskriminiert als in Deutschland. Sie alle bezahlen mir meine Ausbildung! In Peru wäre so etwas nicht möglich.“ Dort sei die Ausbildung fast immer privat und deshalb teuer, sagt sie. In Deutschland hingegen werden Azubis häufig staatlich gefördert – unglaublich für dortige Verhältnisse.
Nun ist Gloria also seit sechs Jahren hier, fünf davon in Rostock, und macht gerade eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation bei einer Autovermietung. Dabei sind ihr vor allem zwei Dinge aufgefallen. Zum einen trifft sie auf Schüler mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund, und sie findet, dass „Deutsche aus verschiedenen Schichten mehr miteinander zu tun haben als das in Lateinamerika der Fall ist. Zum anderen fühlt sie sich stellenweise diskriminiert, und das kommt auch am Arbeitsplatz zum Tragen. Während ihres ersten Jahres in Deutschland wohnte sie in Stuttgart, wo sie sich wohler fühlte, weil es mehr Ausländer gab als in Rostock und weil es „eine große Stadt war, wo immer alles in Bewegung war“. In der Hansestadt sieht die Welt nun einmal anders aus. „Die Leute gucken mich hier manchmal komisch an und es ist schwerer, tiefere Freundschaften aufzubauen. Die Menschen sind nett zu mir, aber ihr Interesse bleibt an der Oberfläche.“ Aus ihrer Ausbildung kann sie eine kuriose Anekdote zum Besten geben: Weil die spanischsprachigen Mitarbeiter nicht so viele Anrufe entgegennehmen wie ihre deutschen Kollegen und folglich weniger Prämien bekommen, ließ sich ihr Vorgesetzter etwas ganz Besonderes einfallen, um ihnen zu helfen. „Wir haben eine Prämie dafür bekommen, dass wir pünktlich zur Arbeit erscheinen! Der Chef dachte, dass man ja als Lateinamerikaner in einer Kultur des Zuspätkommens lebt, und deshalb wollte er uns extra belohnen. Das fand ich diskriminierend.“
Von ihrem Integrationskurs, den sie absolvieren muss, scheint sie leicht genervt zu sein, trägt die Allüren ihrer Mit-Migranten aber mit Fassung. „Die meisten Leute im Kurs haben keinen Bock, sie kommen immerzu mit einem Krankenschein an. Da muss ich mich echt zusammenreißen, nicht meinen Senf dazuzugeben. Die Iraker ihrerseits sind genervt von Fragen zu Saddam Hussein. Und die Russen sind super faul, und insbesondere die Russinnen sehr eingebildet und abgehoben.“ In diesem Kurs gehe es doch um die Kultur und Eigenheiten Deutschlands, die den Teilnehmern nähergebracht werden sollen. „Und da muss man doch akzeptieren: Ich bin in einem anderen Land und muss dessen Regeln und Gesetze anerkennen.“ Auch auf dem Arbeitsamt hat sie anfangs unerfreuliche Erfahrungen macht, u.a., weil sie zunächst die Sprache noch nicht so gut beherrschte. Inzwischen ist ihr Deutsch hervorragend, das Interview mit ihr fühlt sich wie ein Gespräch zwischen Muttersprachlern an.
Besonders gut liefen die Dinge laut Gloria im Kultur-Verein TALIDE. Dort wurde ihr erklärt, wie man mit Versicherungen und Papieren etc. verfährt und sie konnte Kontakte zu anderen Lateinamerikanern knüpfen und sich mit ihnen austauschen, natürlich auch über Dinge, die nicht so gut funktionierten. Ihren Ausbildungsplatz hat sie letztlich bekommen, weil ihr eine Frau von der Caritas geholfen hat. „Die Erinnerungen an all die Rückschläge aus der ersten Zeit lasten schwer, aber mir haben ja auf der anderen Seite auch viele geholfen haben, und von daher geht es jetzt einigermaßen.“
Möchte sie für immer hier bleiben? „In Deutschland fühle ich mich momentan sozusagen in der Mitte. Also noch nicht ganz zu Hause. Vielleicht kann ich auch noch nicht ganz akzeptieren, dass ich jetzt hier meine neue Heimat habe.“ Hinsichtlich der „Gefühlsseite“, wie es nennt, ist es hart für sie. „Wenn in der Familie in Peru etwas passiert, kann ich nicht dabei sein und es kommen Rückkehrgefühle auf. Viele [Lateinamerikaner] wollen zurück, aber gehen nicht, sondern eher erst dann, wenn man alt ist. Der Traum ist immer da…“
Sie betont während des Gesprächs immer wieder, dass es ihre eigenen Erfahrungen sind, von denen sie berichtet und dass sie deshalb nicht verallgemeinern möchte. Aber der ein oder andere wird sich in ihren Beschreibungen sicherlich wiederfinden, dafür braucht man nicht als Lateinamerikaner nach Rostock ziehen. Dazu gehört wohl auch dieses lebenslustige, unbeschwerte Gefühl, das viele Menschen möglicherweise nur in ihrer eigenen Kultur verspüren. „In Deutschland muss man nach Spaß teilweise richtig suchen! In Peru finde ich ihn überall.“ Bleibt zu hoffen, dass sie danach auch in Rostock bald nicht mehr suchen muss.