Menschen/ vidas
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„Was hat Halsweh mit Integration zu tun?“
Wie musikalisch ist Deutsch eigentlich? Ist das Wetter in Deutschland wirklich so schlimm? Findet man sich als Musiker schneller zu Recht in einer neuen Umgebung? Diese Fragen und Vieles mehr aus dem oft nomadischen Leben der Künstler im Gespräch mit Julia*, einer Sängerin aus Buenos Aires am Volkstheater Rostock.
Julia hat bereits lange Wege hinter sich, als sie vor fünf Jahren nach Deutschland kommt. Die gebürtige Argentinierin arbeitet erst mehrere Jahre in Budapest, wohin sie 1987 mit ihrem Mann zieht und wo sie die Wende miterlebt. „Magyaren sind sehr offen und herzlich, aber auch sehr rebellisch“, lächelt sie. Liliana erinnert sich gerne an diese Zeit, auch wenn die Sprache eine nicht unbeträchtliche Bürde darstellt. Sie beherrscht Ungarisch jedoch so weit, dass sie sich im Alltag verständigen kann, als sie sich entscheidet, nach Wien zu gehen und damit den deutschsprachigen Raum für sich zu erschließen. Deutsch sei gar nicht so einfach zu singen, meint sie, auch wenn das bei der in Deutschland reichen Operntradition zunächst überraschend wirkt. „Am Anfang hatte ich Halsweh,“ lacht Julia, als sie sich an ihre ersten Gesangserfahrungen mit deutschsprachigen Texten erinnert. Ob Ungarisch wohl leichter zu singen ist? Das Repertoire sei einfach internationaler…
Nach der Zeit in Wien kommt Julia nach Frankfurt und ist entsetzt über die Kälte… zwischen den Menschen. Dass Lateinamerikaner sich mit deutschen Umgangsformen gerade anfangs oft etwas schwer tun, ist zunächst nicht überraschend, denn Julias Beobachtung ist sicher kein Einzelfall. Es scheint aber immer noch ein positiver Kontrast zu Wien zu sein, denn die Menschen, die mit einer ewig ernsten Miene durch ihren Alltag wandern, nie lächeln und vor allem hin und wieder einfach nur unfreundlich sind, sind in Julias Erinnerungen noch sehr präsent. Da kündigt sich schon der neue Aufbruch an. „Ich habe der ZAV-Künstlervermittlung1 drei Mal abgesagt“, erinnert sie sich, bevor sie doch beschloss, nach Rostock zu gehen. Nicht zuletzt aus Angst vor Fremdenfeindlichkeit und Sorge um ihre kleine Tochter hat Julia gezögert, denn Rostock-Lichtenhagen scheint nach außen hin präsenter zu sein als man es in der Stadt spürt. Und die Aussicht auf noch kälteres Wetter war auch nicht gerade verführerisch.
Sie hat es nicht bereut. Julia hat sich schnell zurechtgefunden und sah ihre Befürchtungen widerlegt. „Das schöne an einer relativ kleinen Stadt wie Rostock ist, dass man sein Kind alleine auf die Strasse lassen kann, ohne sich ständig Sorgen machen zu müssen. Oder ein schönes Schmuckstück tragen, ohne Gefahr zu laufen, Opfer eines Überfalls zu werden“, schwärmt sie. Beides wäre in Buenos Aires nicht denkbar. Allgemein ist die Kriminalität um Vielfaches niedriger als in Lateinamerika. Auch der Rechtsextremismus wird Rostock im übertriebenen Maße nachgesagt. So findet Julia, dass der Umgang mit Ausländern hier in Rostock um Einiges wärmer und freundlicher ist als in Frankfurt. Es schien ihr, als wären die Frankfurter überfordert mit der großen Zahl an Migranten, den ihre Stadt in kurzer Zeit aufgenommen hat. Julia findet, dass zur Integration immer beide Seiten gehören müssen, sonst hieße sie Assimilation. Prinzipiell findet sie aber, dass Migranten Deutsch lernen müssen, wenn sie in Deutschland leben wollen. In vielen Fällen führten mangelnde Deutschkenntnisse zu einer völlig isolierten und unbefriedigenden Lebensweise. Sie findet es aber schade, dass Deutsche oft den ersten Schritt erschweren und sich distanziert und kühl geben, was die Motivation, die Sprache zu lernen, nicht gerade fördere. „In Frankfurt hatten es seinerzeit gerade die Italiener sehr schwer“, erzählt Julia, ausgehend von den Gesprächen mit ihren Freunden und Bekannten aus Frankfurt. Je nach Beruf und Milieu war es von Fall zu Fall natürlich unterschiedlich, aber tendenziell lebe man als Ausländer in Frankfurt sehr isoliert und sei der Anonymität der Großstadt ausgeliefert, was teilweise noch bis heute bei den dort ansässigen Argentiniern der Fall sei. Sie findet jedoch, dass Deutsche sich mittlerweile etwas geöffnet haben.
Hier in Rostock besteht diese Gefahr jedoch nicht. Einerseits, da die Rostocker um Einiges wärmer und neugieriger mit den ausländischen Mitbürgern umgehen – sei es wegen der wesentlich kleineren Migrantengruppen, sei es wegen der hiesigen, generell offeneren Mentalität als in den alten Bundesländern. Andererseits gib es aber auch den Verein Talide, der ein reiches kulturelles Leben und ständigen Kontakt sowohl mit den Landsleuten als auch mit lateinamerika-begeisterten Einheimischen ermöglicht. Auch die Kollegen im Chor sind sehr nett und das Team bunt gemischt. Im Frauenchor kommen ihrer Einschätzung nach etwa siebzig Prozent der Sängerinnen aus dem Ausland, bei Männern ist es um die dreißig Prozent. Musiker finden überall Gleichgesinnte und fühlen sich schneller wohl an neuen Orten, was die Integration ungemein erleichtert. Julia hat in Rostock einige wirklich sehr gute Freunde gefunden und fühlt sich sehr wohl in Rostock.
Was Julia jedoch hin und wieder deprimiert, sind das schlechte Wetter und kurze, dafür aber richtig kalte Wintertage. Nach den vielen Jahren im Westeuropa habe sie sich aber daran gewöhnt. Andererseits habe es aber auch seine guten Seiten: Julia ist überzeugt, dass man in Gegenden mit wenig Sommer und Sonne besser organisiert sei und den eigenen Alltag strukturierter gestalten müsse, um von der schönen Zeit so weit es geht zu profitieren. Die Tatsache, dass Julias Arbeitstag meistens gerade dann beginnt, wenn andere Feierabend haben und Spaß haben wollen, ist auch nicht gerade motivierend. Aber auch das habe ihrer Meinung nach seine guten Seiten: dafür hat man den sonnigen Teil des Wintertages für sich. Eine derart positive Lebenseinstellung ist eine Kunst für sich.
1 Die ZAV-Künstlervermittlung ist eine Abteilung der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) bei der Bundesagentur für Arbeit. Dieser Vermittlungsservice richtet sich an Künstlerinnen und Künstler sowie Bewerberinnen und Bewerber aus künstlerisch-technischen Berufen rund um Bühne und Kamera, die vorrangig ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis suchen.
* Name geändert