Menschen/ vidas
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FÜNF KUBANER AUF RÜGEN
“No es fácil”, diese Phrase hört man sehr oft von Kubanern, und ebenso empfanden auch fünf kubanische Heranwachsende, die heute mit ihren Familien auf Rügen leben, ihre erste Zeit in Deutschland. Um einen Eindruck über ihr Leben und zu erhalten, habe ich Interviews mit ihnen geführt und sie zu ihren Erfahrungen befragt.
Als Offiziersanwärter in der kubanischen Armee reisten sie in den letzten Jahren vor der Wiedervereinigung in die DDR. In ihrem Heimatland besuchten sie Kadettenschulen und erhielten die Möglichkeit, ihre Ausbildung durch ein Studium im sozialistischen Bruderstaat zu erweitern. Dieser Aufenthalt war ein Privileg für sie und wurde nur denen zu Teil, die durch sehr gute Leistung in der Schule und im militärischen Dienst glänzten. Nach fünf Jahren sollten sie als Ingenieure für Militärtechnik nach Kuba zurückkehren und führende Positionen in der Armee einnehmen. So war der Plan, doch endete der Aufenthalt schließlich für sie alle ganz anders.
Aufgrund eines Vertrages zwischen Kuba und der DDR aus dem Jahr 1980 (Vereinbarung über die Zusammenarbeit zwischen dem Ministerium des Innern der DDR und dem Ministerium des Innern der Republik Kuba) reisten im Laufe der Jahre 30 000 Kubanern in die DDR, um hier zu arbeiten weitergebildet zu werden. Die Erfolgsaussichten, ihre berufliche Qualifikationen im eigenen Land zur Erwerbsgrundlage zu machen, waren jedoch relativ gering, denn die Mehrheit war im Textilsektor tätig, für den auf Kuba kaum Arbeitsmöglichkeiten vorhanden waren.
Ende der 1980er Jahre wurden auch einige Militärangehörige in die DDR entsandt, zu denen die fünf Befragten gehörten. Sie besuchten alle die gleiche Schule in Holguín und reisten 1986 zusammen nach Mecklenburg-Vorpommern.
Auf meine Frage, was sie für Erwartungen an die DDR hatten, antworteten alle gleich: Sie hatten große Angst vor der “deutschen Disziplin” und vermuteten, dass sie kein leichtes Leben hier erwarten würde. Daher reisten sie wenig euphorisch in die DDR. Sie erhofften sich trotzdem, in dieser Zeit freier leben zu können als in ihrem Heimatland und durch diese Erfahrung viel für ihre Zukunft zu lernen. Trotz der Verbundenheit und der Liebe zu Kuba empfanden sie es als schwierig mit den dortigen Einschränkungen zu leben. Sie sehnten sich danach, sich frei entfalten zu können, zugleich ahten sie allerdings auch, dass dies in der DDR ebenfalls nicht so einfach möglich sein würde.
Wenngleich sie anfänglich, trotz aller Angst, fasziniert waren von ihrem neuen Leben, hatten sie doch enormes Heimweh und sehnten sich danach, bald wieder einen Fuß auf karibischen Boden zu setzten. Für diese Ambivalenz gab es mehrere Gründe. Zu allererst war ihre Schule in Prora eine Ausbildungsstätte ausschließlich für ausländische Studenten. Dadurch wurde der Kontakt zur deutschen Welt in der ersten Zeit sehr erschwert. Die schnelle Integration, die sie sich erhofft hatten, trat somit nicht ein und jeder von ihnen hatten große Probleme sich einzuleben.
Die größten Hemmnisse liegen natürlich auf der Hand: das Klima und die Sprache. Die fünf jungen Männer waren Sonnenschein und heiße Temperaturen gewohnt. Die Kälte in Deutschland machte ihnen schwer zu schaffen und vergrößerte das Heimweh ungemein. Fehlende Sprachkenntnisse machten es schwierig, eigene Kontakt zu knüpfen. Sie hatten somit kaum Möglichkeit, sich außerhalb der Ausbildung mit Deutschen auszutauschen, und sprachliche Fortschritte erzielten sie nur langsam. Die Mentalität unterschied sich dazu noch sehr stark von der deutschen. Die offene und lockere Art der Kubaner war nicht überall gut angesehen. Sie mussten sich zum Beispiel daran gewöhnen, dass viele Deutsche mehr körperlichen Abstand zu ihren Mitmenschen als normal empfinden als Kubaner.
Vor allem aber trat das schwere Leben, vor dem sie solche Angst gehabt hatten, gar nicht ein. Mit der Zeit legten sich viele der Probleme und sie lernten viele Dinge, die ihrer Meinung nach ihr Leben bereicherten: Pünktlichkeit und Zielstrebigkeit heben heute alle fünf hervor. Die erlernte “deutsche Disziplin” hat ihnen ihr Leben sogar leichter gemacht, und kulturell haben sie sich viel weiter entwickeln können, als das auf Kuba möglich gewesen wäre. Dort hatten sie in ihrer Region nicht die Möglichkeit, Museen oder Theater zu besuchen, und diese Chancen nutzen sie in Deutschland und haben das zu schätzen gelernt.
Dazu genossen sie viele Vorteile, nicht nur in ihrer Ausbildungsstätte, sondern vor allem auch bei den Frauen, was alle dazu bewegt hat, letztendlich nicht wieder ins Heimatland zurückzukehren.
Mit den Jahren gründeten sie Familien und bauten sich auf Rügen ein neues Leben auf. Seitdem sind 20 Jahre vergangen, und heute fühlen sich die fünf Kubaner auf Rügen völlig integriert in die deutsche Gesellschaft. Die anfänglichen Probleme lösten sich mit der Zeit wie von selbst: Sie gewöhnten sich an die Kälte, lernten die Sprache, fanden Arbeit als Kellern, Maurer oder Pfleger, und auf diese Weise ergab sich der Anschluss an ihre Mitbürger wie von selbst. Inzwischen sind sie froh, dass sie Kuba verlassen konnten, und Deutschland ist zu ihrer Heimat geworden.